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Was man in 8 Jahren über das Kulturbusiness lernt

Mirjam Bordt und Beate Gilgenreiner beim Büroselfie
Mirjam Bordt und Beate Gilgenreiner beim Büroselfie

An einem trüben Dienstagvormittag im Mai stapft die junge Assistentin die vielen Stufen bis zu ihrem neuen Arbeitsort empor. Heute würde sie ihre erste Stelle im Kulturmanagement antreten. Viele Erwartungen und Fragen begleiten sie bei ihrem Aufstieg. Wie ticken die Leute im Kulturbereich? Kann ich in einem auf klassische Musik ausgerichteten Unternehmen einen Mehrwert bieten, auch wenn ich nachschauen muss, mit wie vielen s man Mendelssohn schreibt? Und funktioniert es wirklich so anders als beim Wirtschaftsbetrieb, in dem ich vorher gearbeitet hatte?

Das war vor acht Jahren, vor acht sehr spannenden und lehrreichen Jahren. Wenn ich heute die gleichen Stufen hinaufgehe, mache ich das mit Zuversicht und Freude - zumindest meistens. Ich denke an die fesselnden Auftritte, die erwartungsvollen Augen und die wundervollen Melodien im Konzertsaal. Es macht mich stolz, Teil eines Betriebs zu sein, der diese Momente möglich macht.

1. Erkenntnis: Ich kenne jemanden, der eine kennt, die ...

Netzwerken hat für mich in der klassischen Musikwelt eine neue Bedeutung bekommen. Früher war der Begriff für mich mit übermotiviertem und zeitweise fast aufdringlichem Verhalten verbunden. Es hatte etwas Gestelltes an sich. Doch ich musste feststellen, dass man sich in der Musikwelt fast zwingenderweise immer wieder über den Weg läuft. Musiker:innen kennen sich aus dem Studium, vom Probespiel, vom Projektorchester oder waren zufällig auf der gleichen Party einer befreundeten Musikerin. Wenn sich also sowieso alle irgendwoher kennen, passiert der Austausch ganz natürlich und auf einer kollegialen Basis. Das hat entscheidende Vorteile: Als wir einmal nur wenige Tage vor einem Festival krankheitsbedingt einen Ersatz für den Konzertmeister sowie für den Geigendozenten suchen musste, sah ich schon schwarz für das ganze Festival. Doch zu meiner Überraschung fanden sich tolle Musiker:innen, die tatsächlich so kurzfristig einspringen könnten. Das hat aber nur geklappt, weil in der "Szene" alle so stark miteinander vernetzt sind, dass wir unseren Hilferuf innert weniger Stunden an die richtigen Personen senden konnten. Ich war beeindruckt und schwor mir, das Netzwerken in Zukunft nicht mehr als übertriebenen Selbstinszenierungszweck anzusehen.

2. Erkenntnis: Herzblut sticht Geldbeutel

Ganz ehrlich! Wie viele kulturelle Aktivitäten können durchgeführt werden, würden sie nicht in irgendeiner Form finanziell oder durch enorme Freiwilligenarbeit unterstützt? Wahrscheinlich weniger, als ich mir vorstellen möchte. Wieso finden dann trotzdem so viele Konzerte, Ausstellungen oder Aufführungen statt? Weil diese Leute in der Regel extrem viel Engagement und Liebe in die Dinge stecken, die sie tun. Und weil sie selbst dann an ihrem Traum festhalten, wenn die Zeiten schwierig oder die Zahlen rot sind. Klar, das geht nicht immer auf. Corona hat uns das schmerzlich vor Augen geführt. Aber die vielen Diskussionen, in denen das Argument "das kostet aber mehr" von einer Welle aus Enthusiasmus, Tatendrang und Motivation weggespült wurde, haben mich Eines gelehrt: Geld ist nur Mittel zum Zweck. Und das ist gut so.

3. Erkenntnis: Klavierstück a-Moll WoO 59, L.v. Beethoven???

Klassische Musik hat einen schweren Stand. Die einen empfinden sie als veraltet, andere als zu elitär. Nicht selten fangen Konzert-Neulinge mit den Werkbezeichnungen gar nichts an und fühlen sich ertappt, wenn sie zur falschen Zeit klatschen. Selbst nach vielen Jahren kenne ich nicht alle Komponisten der Klassik. Wie soll da bitte ein:e Quereinsteiger:in verstehen, was mit dem Werktitel in der Überschrift gemeint ist? Erklärt man aber, dass es sich hier um das berühmte "Für Elise" handelt, kommt der Aha-Effekt - spätestens nach dem Vorspielen der ersten Takte.

Was erst mal trivial klingt, lernt man heute in jeder Marketing-Vorlesung: Denke vom Publikum aus. Will ich neue, junge Zuhörende ansprechen, muss ich meine Kommunikation entsprechend anpassen. Also sollte ich Dinge erklären, die mir und meinem Musikumfeld schon fast lächerlich erscheinen, für Klassik-Neulinge aber nichtssagend oder kontraintuitiv erscheinen. Als Tipp: Jemanden mit wenig Klassik-Erfahrung ins Konzert begleiten und beobachten, was auf die Person irritierend wirkt.

Und jetzt?

Acht Jahre lang durfte ich also in diesem Bereich arbeiten und viel Neues lernen. Im nächsten Jahr werde ich auf Weltreise sein. Bestimmt gibt es da "draussen" viel unterschiedliche Musik zu entdecken. Ich bin schon sehr gespannt!

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